Europäische Gedanken

Neben den Protestmärschen von einigen tausend Sachsen, von denen gewiss nicht alle fremdenfeindlich sind (nur besorgte Bürger…) ist derzeit kaum Platz für andere Themen im Mediendiskurs. In diesem Kontext finden sich vermehrt Positionierungen aus der AfD zugunsten von PEGIDA. Nach der offenen Zusammenarbeit zwischen AfD und NPD, gerade auf kommunaler Ebene (Stralsund war glaube ich eine sehr frühe Station) ist dieser Schritt nur konsequent.

Über diese neue Bewegung (allein das Wort bereitet mir Kopfschmerzen – keine Bauschschmerzen) tritt der eigentliche Zweck der AfD in den Hintergrund: Die Kanalisierung von EU-Feindlichkeit im deutschen Bürgertum. Bevor mir nun der Hass entgegenbrandet, eine Klarstellung: Der Euro ist für mich ein Kernelement europäischer Einigung. Die Umsetzung einer gemeinschaftlichen Wirtschafts- und Sozialpolitik ist dringend notwendig, der Schritt zurück in nationale Strukturen und eine D-Mark wird dem gemeinsamen Markt unglaublich schaden und damit nicht nur unseren engsten Verbündeten auf dem internationalen Parkett, sondern auch der deutschen Wirtschaft. Ich bin für eine Transferunion, ich bin für Freizügigkeit, ich glaube, dass Deutschland stark von der EU und dem Euro profitiert und dass diese Rolle den anderen Ländern schadet. Die Lösung kann aber nicht darin bestehen, sich einzuigeln und auf die faulen Südländer zu schimpfen.

Die Vorbehalte des deutschen Bürgertums gegenüber der europäischen Einigung wurden anfangs durch deutsch-französische Freundschaft und wirtschaftliche Interessen überdeckt. Wer könnte etwas gegen Frankreich sagen? Gut, chaotisch ists gelegentlich, die Cohabitation ist nicht effektiv, aber der Wein schmeckt und Schüleraustauschprogramme funktionieren doch gut.

Mittlerweile hat sich dieses Bild gewandelt. Nach der Euphorie der Wendezeit und der daraus resultierenden EU-Osterweiterung treten wieder die Vorurteile in den Vordergrund: Osteuropäer klauen unseren hart erarbeiteten Wohlstand, die Südländer arbeiten eh nicht und liegen nur in der Sonne und Deutschland zahlt für alles. Erstaunlicherweise finden sich hier sprachliche Paralleleln zur Wiedergutmachung für einzelne Opfergruppen deutscher Vernichtungspolitik, aber das ist sicherlich reiner Zufall. Ergänzen wir diese Kaskade von Vorurteilen um das beliebte Beamtenbashing, so ist plötzlich die Brüsseler Bürokratie schuld an all diesen Miseren.

Erstaunlicherweise perlt an der wichtigsten Entscheidungsträgerin in Europa, der deutschen Regierungschefin, jegliche Kritik an europäischer Politik ab, Teflon-Angie steht nicht nur über ihrer Partei und ihrer Regierung, sondern auch über ihren Entscheidungen in Brüssel. Dass die EU weniger Beamte hat als das Land Berlin – geschenkt. Die Öffentlichkeitsarbeit der Kommission wäre allerdings auch verbesserungswürdig.

Eine kurze Zusammenfassung dieser Gedanken: Es sind alte Muster, die von der Eurokritik der AfD bedient werden, und die weitaus größere Schichten berühren als die marschierenden Sachsen. Sie sollten uns zu einer umso feurigeren Stellungnahme für die EU anstacheln.

Advertisements
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s